Wie Ausbildungsbetriebe junge Talente besser erreichen
Der Fachkräftemangel ist längst kein Zukunftsszenario mehr. Viele Ausbildungsbetriebe spüren ihn schon heute deutlich. Gleichzeitig fällt es Jugendlichen immer schwerer, sich im Dschungel der Berufsmöglichkeiten zurechtzufinden. Genau hier können KI-Tools eine spannende Brücke schlagen: Sie helfen jungen Menschen bei der Orientierung und ermöglichen Unternehmen gleichzeitig, potenzielle Azubis früher und gezielter anzusprechen.
Doch wie funktioniert das konkret in der Praxis?
Warum KI in der Berufsorientierung sinnvoll ist
Viele Jugendliche wissen am Ende der Schulzeit zwar grob, in welche Richtung sie gehen möchten, haben aber kaum Einblick in konkrete Ausbildungsberufe. Klassische Methoden wie Berufsmessen oder Praktika bleiben wichtig, reichen aber oft nicht mehr aus, um junge Menschen wirklich zu erreichen.
KI-gestützte Tools können hier unterstützen, indem sie:
- Interessen und Stärken analysieren
- passende Ausbildungsberufe vorschlagen
- Informationen personalisiert aufbereiten
- interaktive Einblicke in Berufe ermöglichen
Der große Vorteil: Jugendliche bekommen schnell eine Orientierung, während Ausbildungsbetriebe sichtbar werden, die sonst vielleicht gar nicht auf dem Radar der Schüler gewesen wären.
Beispiel 1: KI-gestützte Berufsorientierung auf der Unternehmenswebsite
Ein einfaches, aber wirkungsvolles Beispiel ist ein KI-Berufscheck auf der Karriereseite eines Unternehmens. Statt nur eine Liste offener Ausbildungsplätze zu zeigen, können Jugendliche dort ein kurzes Quiz durchlaufen.
Typische Fragen könnten sein:
Arbeite ich lieber praktisch oder theoretisch?
Arbeite ich gern im Team oder eher selbstständig?
Interessiere ich mich eher für Technik, Organisation oder Kreativität?
Die KI wertet die Antworten aus und schlägt passende Ausbildungsberufe im Unternehmen vor.
Praxisbeispiel: Ausbildungsmatcher (Tool von CYQUEST)
CYQUEST nutzt KI primär in der Entwicklung seiner Tools, während der eigentliche Ausbildungsmatcher als algorithmisches Empfehlungsinstrument ohne laufende KI funktioniert. Damit verbindet das Unternehmen datenbasierte Modellierung im Hintergrund mit einer bewusst einfachen und transparenten Anwendung.
Beispiele: Lindner Group, Reinhausen Group
Der Ausbildungsmatcher adressiert die zentrale Herausforderung der Berufsorientierung: die eigenen Stärken und Interessen zu erkennen und diese mit passenden Berufs- und Studienoptionen zu verknüpfen. Über kurze, intuitive Abfragen werden Präferenzen erfasst und durch einen diagnostischen Algorithmus in einen Passungsscore übersetzt – schnell, anonym und als Self-Assessment.
So ermöglicht CYQUEST eine effiziente Vorauswahl geeigneter Optionen, erleichtert die weitere Recherche und unterstützt fundierte Entscheidungen. Gleichzeitig profitieren Unternehmen von positiven Effekten auf Berufswahlkompetenz, Nutzererlebnis und Arbeitgeberimage.
Der Ausbildungsmatcher lässt sich sowohl auf der Firmenhomepage integrieren, auf dem Messestand bei der Face-to-Face-Beratung nutzen oder auch in der schulischen Berufsorientierung einsetzen. Womit wir zum nächsten Beispiel kommen:
Beispiel 2: KI-gestützte Berufsorientierung für Schulen
KI-gestützte Anwendungen eröffnen Schulen neue Möglichkeiten, Berufsorientierung und Unterricht praxisnah, individuell und zukunftsorientiert zu gestalten. Digitale Assistenzsysteme können Lehrkräfte dabei unterstützen, Unterrichtsmaterialien flexibel anzupassen, technologische Zukunftsthemen verständlich zu vermitteln und Schülerinnen und Schüler gezielt auf die Arbeitswelt von morgen vorzubereiten. Das folgende Praxisbeispiel zeigt, wie KI bereits heute sinnvoll eingesetzt werden kann.
Praxisbeispiel: Der AI-Didactic-Assistant von SIEYA[at]School: Intelligente Unterrichtsplanung leicht gemacht
Siemens entwickelt umfassende Unterrichtsmaterialien-Sets für Lehrkräfte, die Zukunftstechnologien und Berufsorientierung in den Mittelpunkt stellen und digitale sowie Zukunftskompetenzen durch realitätsnahe, branchenrelevante Beispiele vermitteln.
Die Themen reichen von Smart City und Vertical Farming über Low Coding, Digitaler Zwilling und Cybersicherheit bis hin zu Internet der Dinge und 3D-Druck.
Jedes Set ist ein Komplettpaket mit Stundenverlaufsplänen, digitalen Lernspielen, Arbeitsblättern, Tafelmaterial, audiovisuellen Materialien und Musterlösungen.
Die Materialien sind kostenlos und ohne Registrierung über eine eigene Website, MUNDO.schule und Schulclouds verfügbar und wurden entlang der Lehrpläne in Zusammenarbeit mit Didaktik-Expert*innen von Didactic Innovations GmbH entwickelt.
Das Ziel ist es, Lehrende dabei zu unterstützen, moderne Technologien und zukunftsrelevante Kompetenzen erlebbar zu vermitteln und junge Menschen auf die Arbeitswelt von morgen vorzubereiten.
Link: https://sieya.siemens.com/school
Besonders hervorzuheben ist die hierzugehörige KI-Anwendung, die es Lehrkräften ermöglicht, die Materialien ohne großen Mehraufwand an ihre individuelle Lehrsituation anzupassen.
Dies erlaubt eine flexible Differenzierung nach Lernniveau, Unterrichtsfach, Schulform, Bundesland und individuellen Anforderungen, sodass gezielt komplette Unterrichtsstunden, einzelne Phasen oder Materialien angepasst werden können.
Die KI-Anwendung basiert auf einem klar definierten Systemprompt, verbindlichen methodisch-didaktischen Prinzipien und den Lehrplänen der Bundesländer, wodurch auch bei individualisierten Inhalten Lehrplankonformität und didaktische Qualität sichergestellt werden.
Diese KI-gestützte Individualisierung ermöglicht zielgerichtetes Lernen mit präzisem, technologiegestütztem Feedback und personalisierten Lernempfehlungen – eine Chance, die wir nutzen sollten, um mit unserem Bildungssystem international wieder zu den Top-Nationen aufzuschließen.
Link: https://sieya.didactic-innovations.de/ki-erweiterung/
Beispiel 3: KI-Chatbots für Fragen rund um die Ausbildung
Viele Jugendliche haben Fragen zur Ausbildung. Sie trauen sich aber nicht immer, direkt eine E-Mail zu schreiben oder anzurufen.
Ein KI-Chatbot kann hier niedrigschwellig helfen. Auf der Website oder im Karrierebereich beantwortet er rund um die Uhr typische Fragen wie:
- Welche Voraussetzungen brauche ich für die Ausbildung?
- Wie läuft der Bewerbungsprozess ab?
- Kann ich ein Praktikum machen?
- Wie hoch ist die Ausbildungsvergütung?
Beispiel:
Ein Logistikunternehmen integriert einen Chatbot auf seiner Karriereseite. Ein Schüler fragt: „Brauche ich gute Mathe-Noten für die Ausbildung zur Fachkraft für Lagerlogistik?“ Der Bot erklärt kurz die Anforderungen und schlägt direkt einen Schnuppertag im Unternehmen vor.
Das senkt Hemmschwellen und sorgt dafür, dass Interessenten schneller Kontakt aufnehmen.
Leider habe ich noch kein gutes Praxisbeispiel gefunden, welches ich hier empfehlen kann. Viele Chatsbots zeigen falsche Wege, reagieren auf Fragen nicht konkret oder geben eine Auswahl an, um dann zu kommentieren, dass sie die Eingabe nicht verstanden haben.
Beispiel 4: Virtuelle Berufseinblicke mit KI
Viele Jugendliche können sich unter bestimmten Berufen kaum etwas vorstellen. Hier können KI-Tools helfen, realistische Einblicke zu schaffen.
Zum Beispiel durch:
- interaktive Simulationen
- KI-generierte Berufsszenarien
- virtuelle Rundgänge durch den Betrieb
Beispiel:
Ein Handwerksbetrieb bietet auf seiner Website eine „KI-gestützte Berufsreise“ an. Jugendliche wählen einen Beruf aus und erleben einen typischen Arbeitstag, vom ersten Kundenauftrag bis zur fertigen Installation. Die KI passt den Ablauf sogar an die Interessen des Nutzers an.
So entsteht ein deutlich realistischeres Bild vom Beruf als durch reine Textbeschreibungen.
Beispiel 5: KI zur besseren Ansprache auf Social Media
Auch im Recruiting über Social Media kann KI unterstützen. Tools analysieren beispielsweise, welche Inhalte bei Jugendlichen besonders gut funktionieren und welche Themen sie interessieren.
Ausbildungsbetriebe können so gezielter Inhalte erstellen, etwa:
- kurze „Day in the life“-Videos von Azubis
- typische Aufgaben aus dem Ausbildungsalltag
- Einblicke in Projekte oder Maschinen
Praxisbeispiele:
Einige Unternehmen nutzen bereits Social-Media-Algorithmen und KI-basierte Ausspielmechanismen der Plattformen, um Jugendliche gezielt anzusprechen. Beispiele dafür sind große Unternehmen wie die Deutsche Bahn, aber auch kleinere Handwerksbetriebe:
Typische Inhalte der Kampagnen:
- kurze Videos mit Auszubildenden
- Einblicke in Werkstatt oder Zugbetrieb
- Q&A-Formate zu Bewerbung und Ausbildung
- Challenges oder Trends auf TikTok
- wie Fenster eingebaut werden
- wie Baustellen vorbereitet werden
- welche Werkzeuge im Alltag verwendet werden
Verschiedene Tools und Möglichkeiten für KI in Social Media werden unter folgendem Link vorgestellt: Effektives Social Media mit KI
Worauf Betriebe bei KI achten sollten
So hilfreich KI auch ist, sie ersetzt nicht den persönlichen Kontakt. Gerade bei der Berufsorientierung bleibt der direkte Austausch entscheidend. Sie kann jedoch auf Berufsmessen und Veranstaltungen helfen einen besseren Einblick in den Berufsalltag zu bekommen.
Deshalb sollte KI immer als Ergänzung gesehen werden, zum Beispiel:
- als erster Orientierungspunkt für Jugendliche
- als einfacher Zugang zu Informationen
- als Unterstützung im Recruiting
Der entscheidende Moment entsteht meist erst später: beim Praktikum, beim Gespräch mit Azubis oder beim Besuch im Betrieb.
Fazit
KI-Tools eröffnen Ausbildungsbetrieben neue Möglichkeiten, junge Menschen frühzeitig zu erreichen und ihnen Orientierung zu geben. Von intelligenten Berufschecks über Chatbots bis hin zu virtuellen Berufseinblicken. Die Einsatzmöglichkeiten sind vielfältig.
Für Unternehmen bedeutet das vor allem eines: Wer moderne Technologien nutzt, kann Ausbildungsberufe sichtbarer machen und Jugendliche genau dort abholen, wo sie heute unterwegs sind – online, interaktiv und personalisiert.
Und genau darin liegt eine große Chance, dem Fachkräftemangel aktiv entgegenzuwirken.
Foto: KI

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