Depressionen, Angststörungen, Panikattacken oder psychosomatische Beschwerden – Begriffe, die man früher eher mit älteren Menschen oder Ausgebrannten verbunden hat, tauchen heute immer häufiger im Zusammenhang mit Jugendlichen auf. Und zwar mitten im Berufsstart: in der Ausbildung. Die mentale Belastung junger Menschen nimmt zu, und wer heute Azubis betreut, merkt das ziemlich schnell.
Willkommen in der neuen Realität: Ausbildung unter Druck
Viele Ausbilder*innen erzählen, dass sie bei ihren Azubis zunehmend mit Themen zu tun haben, die weit über das Fachliche hinausgehen. Konzentrationsprobleme, Überforderung, Rückzug, Stimmungsschwankungen oder einfach das Gefühl, dass „alles zu viel“ ist.
Das hat nichts mit Faulheit oder „keine Lust auf Arbeit“ zu tun. Es geht um psychische Belastungen, die real sind und ernst genommen werden müssen.
Die Gründe? Ein ganzer Cocktail aus Stressfaktoren: Zukunftsängste, Leistungsdruck, familiäre Probleme, Unsicherheit durch globale Krisen und natürlich die sozialen Medien, die den Vergleich mit anderen zum Dauerzustand machen. Während frühere Generationen ihre Unsicherheiten vielleicht versteckt haben, tragen junge Menschen sie heute oft offen mit sich herum. Und das ist erstmal nichts Schlechtes, es zeigt, dass sie bewusster mit sich selbst umgehen.
Zwischen Zukunftsangst und Selbstfindung
Azubis stehen an einem Punkt im Leben, an dem ohnehin schon alles im Umbruch ist: neue Umgebung, neue Kolleg*innen, neue Verantwortung und gleichzeitig die große Frage: Wer bin ich eigentlich?
Das alles trifft auf eine Generation, die reflektierter und sensibler ist als je zuvor. Viele wissen genau, was sie stresst, was sie brauchen und wo ihre Grenzen liegen. Nur: Das System, in dem sie sich bewegen, lässt oft wenig Raum, diese Grenzen zu respektieren.
Was früher als „Sensibilität“ belächelt wurde, ist heute oft ein Ausdruck von Selbstwahrnehmung. Und was manch Älterer als „Schwäche“ sieht, ist in Wahrheit der Versuch, sich selbst treu zu bleiben, in einer Welt, die ständig mehr will: schneller, besser, perfekter.
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache
Laut Studien der letzten Jahre berichten immer mehr junge Erwachsene von psychischen Beschwerden. Schon vor Corona war die Lage angespannt, aber die Pandemie, wirtschaftliche Unsicherheit und Dauerkrisen wie Klimawandel oder Kriege haben das Ganze noch verschärft.
Viele Jugendliche fühlen sich hilflos, erschöpft, antriebslos. Und das oft, bevor sie überhaupt richtig im Berufsleben angekommen sind.
Was das für Betriebe bedeutet
Wer ausbildet, trägt Verantwortung – nicht nur für den fachlichen, sondern auch für den menschlichen Teil der Ausbildung. Und genau da liegt die Herausforderung: Viele Ausbilder*innen sind auf solche Situationen gar nicht vorbereitet.
Wie reagiert man, wenn der Azubi plötzlich in Tränen ausbricht? Wenn jemand panische Angst hat, Fehler zu machen? Oder wenn die Fehlzeiten sich häufen und niemand so recht weiß, warum?
Die gute Nachricht: Es gibt Wege, damit umzugehen und diese beginnen mit Offenheit.
Reden hilft. Zuhören noch mehr.
Der wichtigste Schritt ist, das Thema enttabuisieren. Wenn psychische Gesundheit im Betrieb genauso selbstverständlich besprochen werden kann wie körperliche, ist schon viel gewonnen.
Das heißt nicht, dass Ausbilderinnen plötzlich Therapeutinnen werden sollen. Aber sie können ein Klima schaffen, in dem sich junge Menschen sicher fühlen, wenn es ihnen mal nicht gut geht.
Einfache Dinge helfen enorm:
- Regelmäßige Gespräche, in denen es nicht nur um Leistung geht.
- Ein ehrliches Interesse an der Person, nicht nur an der Arbeit.
- Ein „Wie geht’s dir wirklich?“ zwischendurch, das ernst gemeint ist.
- Und: Geduld. Nicht jeder öffnet sich sofort. Aber jeder spürt, ob echtes Verständnis da ist.
Mental Healthcare gehört ins Ausbildungskonzept
Immer mehr Unternehmen erkennen, dass psychische Gesundheit ein Erfolgsfaktor ist. Workshops zu Stressbewältigung, Achtsamkeit oder Zeitmanagement sind längst keine „weichen Themen“ mehr, sondern Teil einer modernen Ausbildungskultur.
Einige Betriebe bieten inzwischen sogar interne Ansprechpartner*innen für Mental Health oder Kooperationen mit Beratungsstellen an. Das ist kein Luxus, sondern Investition in Motivation, Stabilität und Loyalität.
Denn: Wer sich gesehen und unterstützt fühlt, bleibt eher im Unternehmen und bringt langfristig bessere Leistung.
Selbstfürsorge statt Selbstausbeutung
Auch die Azubis selbst können lernen, auf sich zu achten. Das fängt mit einfachen Dingen an:
- Schlaf ist kein Luxus, sondern Voraussetzung für Konzentration.
- Bewegung hilft, Stress abzubauen.
- Offline-Zeiten sind wichtig, auch wenn TikTok ruft.
- Und: Sich Hilfe zu holen, ist Stärke. Kein Versagen.
Psychische Gesundheit ist kein Zustand, sondern ein Prozess. Es geht darum, immer wieder in Balance zu kommen und zu wissen, wann man Unterstützung braucht.
Die Rolle der sozialen Medien
Soziale Medien sind Fluch und Segen zugleich. Sie bieten Vernetzung, Inspiration, Wissen – aber auch Vergleich, Druck und den ständigen Blick auf das, was andere scheinbar „besser“ machen.
Azubis erleben dort täglich, wie andere angeblich perfekt durchstarten, makellos aussehen und alles im Griff haben. Kein Wunder, dass man sich selbst schnell unzulänglich fühlt.
Hier können Unternehmen helfen, indem sie digitale Balance fördern: realistische Erwartungen, ehrliches Feedback und den Mut zur Fehlerkultur.
Fazit: Mentale Gesundheit ist Teamarbeit
Am Ende geht es um mehr als um individuelle Probleme, es geht um eine gesellschaftliche Aufgabe. Wenn junge Menschen an der Schwelle zum Berufsleben psychisch überfordert sind, ist das kein persönliches Scheitern, sondern ein Signal: Wir müssen die Rahmenbedingungen ändern.
Arbeit darf fordern, aber nicht überfordern. Ausbildung darf herausfordern, aber auch Halt geben.
Psychische Gesundheit ist kein „Nice-to-have“ mehr, sondern Grundvoraussetzung für gute Arbeit – heute mehr denn je.
Und vielleicht ist genau das die gute Nachricht: Dass wir endlich anfangen, darüber zu reden.
Linktipps:
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