Corona hat vieles durcheinandergebracht – auch die Ausbildungswelt. Azubis, die gerade erst ihren Berufsweg starten, stehen vor Herausforderungen, die früher kaum jemand auf dem Schirm hatte. Nicht nur der Einstieg ins Berufsleben selbst ist spannend und manchmal stressig, sondern auch die Nachwirkungen von Lockdowns, Homeschooling und Social-Distancing begleiten viele junge Menschen bis heute. Psychische Probleme bei Azubis sind längst kein Randthema mehr und für Ausbilder oft ein heikles Feld.
Digitalisierung: Mehr Technik, weniger Nähe
Die Digitalisierung hat während der Pandemie einen riesigen Sprung gemacht. Online-Unterricht, Videokonferenzen und Homeoffice haben die Kommunikation erleichtert aber nicht unbedingt das Miteinander gefördert. Für Azubis bedeutet das oft: Sie sitzen allein vorm Bildschirm, vermissen den spontanen Austausch mit Kolleg:innen und das gemeinsame Lernen im Team. Einsamkeit und Alleingänge werden so quasi systematisch gefördert.
Wenn Azubis nur noch über digitale Kanäle miteinander kommunizieren, kann das dazu führen, dass sie sich zurückziehen. Manche fühlen sich unsicher, trauen sich nicht, Fragen zu stellen, oder haben schlichtweg das Gefühl, dass ihre Meinung im Team nicht zählt. Diese Zurückhaltung kann schnell als mangelnde Motivation oder Desinteresse missverstanden werden, dabei steckt oft schlichtweg psychischer Druck dahinter.
Probleme im Elternhaus und alte Muster
Viele Jugendliche bringen Probleme schon aus der Schule mit: Leistungsdruck, soziale Unsicherheiten oder familiäre Spannungen. Während der Pandemie wurden diese Probleme oft verstärkt. Homeschooling, Isolation und fehlende Struktur haben manche jungen Menschen stark belastet. Azubis, die jetzt ins Berufsleben starten, haben diese Erfahrungen mit im Gepäck.
Wenn das Elternhaus zusätzlich belastend ist, etwa durch Konflikte, finanzielle Sorgen oder fehlende Unterstützung, kann das zu zusätzlichen psychischen Belastungen führen. Manche Azubis wirken dann besonders verschlossen oder reagieren schnell überfordert.
Teamarbeit vs. Einzelkämpfer
In der Ausbildung ist Teamarbeit oft ein zentraler Bestandteil. Doch für Azubis, die durch die Pandemie gelernt haben, viel alleine zu arbeiten, ist das eine echte Herausforderung. Sie müssen plötzlich in Gruppen agieren, Feedback geben und einstecken – alles Fähigkeiten, die während der Lockdowns kaum trainiert wurden.
Für Ausbilder:innen bedeutet das: Nicht jeder Azubi kann sofort reibungslos ins Team integriert werden. Geduld, Verständnis und gezielte Förderung sind gefragt.
Die heikle Rolle der Ausbilder
Psychische Probleme anzusprechen, ist für viele Ausbilder:innen ein sensibles Thema. Sie wollen den Azubi unterstützen, aber nicht übergriffig wirken. Gleichzeitig ist es schwierig, zu erkennen, ob ein Azubi wirklich Probleme hat oder einfach einen schlechten Tag.
Typische Warnsignale können sein:
- Häufiges Fehlen oder Verspätungen
- Rückzug vom Team oder von Gesprächen
- Leistungseinbrüche oder plötzliche Unsicherheit
- Fehlende Beteiligung an Projekten
- Gereiztheit oder emotionale Schwankungen
- Veränderungen im Verhalten, z. B. stille Beobachtung statt aktiver Teilnahme
Ausbilder:innen sollten dabei sensibel, aber aufmerksam sein. Es geht nicht darum, Psychotherapeut:in zu spielen, sondern aufmerksam zu sein und Hilfen anzubieten.
Hilfen und Lösungsansätze
Es gibt viele Möglichkeiten, Azubis zu unterstützen:
- Anlaufstellen aufzeigen: Psycholog:innen, Ausbildungsberater:innen oder Betriebsärzt:innen.
- Mentoring und Patenprogramme: Ein erfahrener Kollege kann Orientierung geben und Sicherheit vermitteln.
- Teamfördernde Maßnahmen: Onboarding- und Welcome Days, Teambuilding-Workshops, gemeinsame Projekte oder soziale Events stärken Zusammenhalt.
- Offene Kommunikation: Regelmäßige Check-ins, Feedbackrunden oder anonyme Umfragen können Hemmschwellen abbauen.
- Flexibilität: Flexible Arbeitszeiten oder die Möglichkeit, in schwierigen Phasen Aufgaben anzupassen, können Druck nehmen.
5 konkrete Tipps für Ausbilder bei der Umsetzung
- Regelmäßige Einzelgespräche: Kleine, kurze Gespräche einmal pro Woche oder zweiwöchentlich reichen oft schon, um den Draht zum Azubi zu halten.
- Klare Strukturen geben: Gerade Azubis, die viel online gearbeitet haben, brauchen Orientierung und klare Aufgabenverteilung.
- Teamübungen einbauen: Praktische Übungen, bei denen Zusammenarbeit gefordert ist, helfen Azubis, Teamkompetenzen aufzubauen.
- Ressourcen aufzeigen: Liste mit Beratungsstellen, Hotlines oder Online-Ressourcen sichtbar im Ausbildungsbereich platzieren.
- Anerkennung zeigen: Kleine Erfolge sichtbar machen, denn Lob motiviert und stärkt das Selbstbewusstsein.
5 konkrete Tipps für ein Gespräch mit dem Azubi
- Offen, aber nicht drängend fragen: „Mir ist aufgefallen, dass du in letzter Zeit zurückhaltender bist. Geht es dir gut?“
- Aktiv zuhören: Nicht unterbrechen, Körpersprache beachten, zeigen, dass man wirklich zuhört.
- Empathie zeigen: Verständnis ausdrücken: „Ich kann nachvollziehen, dass das gerade viel sein kann.“
- Lösungsorientiert bleiben: Gemeinsam überlegen, welche kleinen Schritte helfen könnten.
- Vertraulichkeit zusichern: Azubi muss wissen, dass das Gespräch nicht gegen ihn verwendet wird.
Fazit: Prävention beginnt schon in der Schule
Psychische Probleme bei Azubis sind oft nicht neu. Die Schule hat viele junge Menschen bereits stark geprägt, ob durch Leistungsdruck, soziale Spannungen oder das digitale Alleinlernen in der Pandemie. Diese Erfahrungen werden in den neuen Lebensabschnitt mitgebracht. Ausbilder haben die Aufgabe, sensibel hinzusehen, Unterstützung anzubieten und ein Umfeld zu schaffen, in dem Azubis sich öffnen können.
Corona hat gezeigt, wie wichtig psychische Gesundheit ist. Wer als Ausbildungsbetrieb frühzeitig reagiert, fördert nicht nur das Wohlbefinden der Azubis, sondern auch Motivation, Teamgeist und langfristigen Erfolg. Psychische Probleme sind kein Stigma. Sie sind ein Signal, dass wir genauer hinschauen und unterstützen sollten. Und mit den richtigen Maßnahmen kann die Ausbildung auch in turbulenten Zeiten zu einer stabilen und wertvollen Erfahrung werden.
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Foto von Gustavo Fring / Pexels.com

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