Wenn systemrelevant plötzlich cool wird

Wie die Pandemie Pflege, Handel und Logistik für Jugendliche attraktiver machte

Die Corona-Pandemie hat unser aller Leben auf den Kopf gestellt: Schulen zu, Kontaktbeschränkungen, Hamsterkäufe, Maskenpflicht. Inmitten dieser Krise wurde eines klar: manche Berufe sind unverzichtbar. Pflegekräfte, Logistikarbeiter, Beschäftigte im Einzelhandel – sie waren plötzlich sichtbar, und viele Jugendliche haben genau das gespürt. Berufe, die früher eher unscheinbar erschienen, gewannen an Bedeutung. Aber was steckt dahinter? Und wie groß war das „Re-Zoom“ auf diese Ausbildungsfelder wirklich?


Was sagen die Zahlen? Pflege voraus

Ein zentraler Indikator dafür, dass Pflege attraktiver wurde: 2021 begannen deutlich mehr junge Menschen eine Ausbildung zur Pflegefachfrau bzw. Pflegefachmann als im Vorjahr. Laut Statistischem Bundesamt waren es rund 56.300 Neuverträge in diesem Beruf, das sind etwa 5 % mehr als 2020, als ca. 53.600 begannen. (Destatis)

Diese neue Ausbildung („Pflegefachfrau/Pflegefachmann“) existiert erst seit 2020; sie fasst die früher getrennten Ausbildungen in Kranken-, Kinderkranken- und Altenpflege zusammen. Das heißt: die Reform selbst bot schon Neuerungen, und in der Pandemie schien sie zu wirken. Jugendlichere und ältere Bewerber*innen traten ein. Es zeigte sich auch, dass rund 18 % der Ausbildungen im Alter ab 30 begonnen wurden. Ein Zeichen, dass der Beruf nicht nur für Schulabgänger interessant war.


Wenn der Blick sich verschiebt: Pflege, Handel und Logistik auf dem Radar

Wer vor der Pandemie gesagt hätte, „Ich mach eine Ausbildung in der Pflege“ oder „Logistik – das klingt spannend“, wurde mitunter müde belächelt. Doch 2020/2021 änderte sich das Bild dramatisch: In einer Zeit, in der viele Branchen lahmlegten, waren gerade Pflegekräfte, Lieferdienste, Lagerlogistik und Einzelhändler essenziell. Plötzlich wurden sie sichtbar, anerkannt, gebraucht. Für viele Jugendliche rutschten diese Ausbildungswege von „gezwungener Notfallplan“ zu echten Optionen mit sozialem und wirtschaftlichem Upside.

Aber was steckt dahinter? Und wie stark war der Effekt?


Zahlen, die überraschen: Ausbildung in Handel wächst – trotz Krise

Ein spannender Fakt zuerst: In der Branche Handel blieb das Ausbildungsplatzangebot stabil und stieg gar in bestimmten Kernbereichen trotz Corona. Laut einer Pressemitteilung vom 2. März 2021 baut der Einzelhandel sein Ausbildungsplatzangebot sogar weiter aus. Beispiel: Die Zahl der angebotenen Ausbildungsplätze für „Kaufleute im Einzelhandel“ stieg im Vergleich zum Vorjahr um etwa 2,5 % auf knapp 28.500 Stellen. Für den Beruf „Verkäufer/Verkäuferin“ war ein Plus von 6,8 % zu verzeichnen (knapp 19.000 Stellen) gegenüber Februar 2020. (einzelhandel.de, 02.03.2021)

Auch im Juli 2021 lagen die Zahlen hoch: Rund 34.900 Stellen für Kaufleute im Einzelhandel (plus 2,7 %) und über 24.700 Stellen zum Verkäufer (plus 9,4 %) wurden angeboten, allerdings blieben viele dieser Ausbildungsplätze unbesetzt. (einzelhandel.de, 04.08.2021)

Diese Entwicklung zeigt: Der Handel setzte in der Pandemie, zumindest im Bereich Ausbildung, ein starkes Gegensignal zu vielen anderen Branchen, die ihre Ausbildungsplatzangebote reduzierten.


Ein sonniger Fleck in einer düsteren Statistik: Ausbildung insgesamt auf niedrigem Niveau

Dessen ungeachtet waren die Gesamtzahlen der neuen Ausbildungsverträge 2021 historisch niedrig. Das Statistische Bundesamt meldete: 2021 wurden nur 466.200 neue Ausbildungsverträge abgeschlossen, was weiter unter dem Niveau vor der Krise lag. Insgesamt blieb das Niveau im Bereich dualer Ausbildung „auf einem historisch niedrigen Stand“. (Destatis, Pressemitteilung)

Das heißt: Auch wenn Handel, Pflege oder Logistik teils herausragten, war der Gesamtmarkt unter Druck. Trotzdem haben sich diese Berufsbereiche im Bewusstsein vieler junger Menschen stärker positioniert.


Warum gerade diese Berufe?

1. Sichtbarkeit & Anerkennung – plötzlich sichtbar sein

Die Pandemie machte eines klar: Nicht jede Arbeit findet auf der Bühne statt, aber viele sind existenziell. Pflegefachkräfte in Kliniken und Pflegeheimen, Mitarbeitende in Logistik und Lager, im Online-Versand, aber auch Verkäufer:innen in Supermärkten, sie alle sorgten dafür, dass wir trotz Lockdowns versorgt waren. Dieses „Systemrelevant“ sein wurde medial breit diskutiert, gewürdigt und wirkte auf Jugendliche: „Wenn ich ausbilde, kann ich wichtig sein.“

2. Sicherheit in unsicheren Zeiten

Während Branchen wie Tourismus, Gastronomie oder Event stark schwankten, vermittelte der Gesundheits-, Versorgungs- und Logistiksektor relative Stabilität. Jugendliche, die in unsicheren Zeiten Orientierung suchten, zogen Berufe mit klarer Nachfrage und langfristiger Perspektive stärker in Betracht.

3. Gute Einstiegschancen & Reformen

Die Ausbildung in der Pflege wurde zum Beispiel reformiert und neu zusammengesetzt (Pflegefachfrau/Pflegefachmann ab 2020), um moderne und attraktive Standards zu setzen. In Handel und Logistik gibt es meist niedrigere Zugangshürden und viele praxisnahe Chancen.

Zudem: Der Handel zeigte sich selbst agiler. Trotz Corona baute er sein Ausbildungsangebot nicht ab, sondern erweiterte es in manchen Bereichen, was Jugendlichen signalisierte: „Ich kann auch in der Krise starten.“ (einzelhandel.de, 2021)

4. Nachhaltige Trends: E-Commerce & Onlinehandel boomen

Während stationäre Geschäfte unter Druck gerieten, wuchs der Onlinehandel. Dieser Wandel erforderte mehr Kräfte in E-Commerce, Lagerlogistik, Versand und IT-Support. In manchen Fällen stiegen Ausbildungen in diesen Randbereichen deutlich. So wird berichtet, dass z. B. der Beruf Kaufmann/Kauffrau im E-Commerce 2021 einen Zuwachs von rund 26 % gegenüber 2019 verzeichnete.

Auch die Lager- und Logistikberufe, die eng mit dem Onlinehandel verbunden sind, sahen Nachfragezuwächse (z. B. +11 %) in manchen Segmenten.

5. Präsenz von Werbung, Kampagnen, Social Media

Da Präsenzveranstaltungen wie Berufsmessen oder Schulpraktika teils ausfielen, rückten digitale Formate in den Vordergrund: Social Media, Videointerviews, Influencer, Kampagnen zur Berufswahl – all das erreichte Jugendliche direkt. Berufe wurden sichtbarer, attraktiver kommuniziert, Klischees aufgebrochen.


Herausforderungen & Gegentöne

Natürlich war das nicht alles nur ein rosiges Bild.

  • Belastung & Stress in Pflege und Logistik: Schichtdienst, hohe Arbeitsbelastung, Überstunden sind bekannt. Manche Jugendliche überlegten, ob sie dem dauerhaft standhalten.
  • Unbesetzte Stellen trotz Angebot: Im Handel blieben viele Ausbildungsplätze unbesetzt. Ein Zeichen, dass Angebot allein nicht ausreicht, wenn Bewerber oder Information fehlen.
  • Qualitätsfragen & Attraktivität dauerhaft sichern: Nur weil ein Beruf im Lockdown attraktiv wirkt, heißt das nicht, dass junge Menschen langfristig bleiben, wenn Entlohnung, Arbeitsbedingungen oder Anerkennung nicht stimmen.

Ausblick: Wird der Trend bleiben?

Es spricht einiges dafür, dass nicht alles nur ein Strohfeuer war:

  • Jugendliche haben gesehen, dass systemrelevante Arbeit zählt und kann gesellschaftlichen Wert haben.
  • Die Nachfrage in Pflege, Logistik und E-Commerce ist strukturell gewachsen.
  • Betriebe und Politik haben entdeckt, wie wichtig das Thema Ausbildung ist – es gibt stärkeren Druck, duale Berufe besser zu fördern und zu kommunizieren.

Aber: Die Nachhaltigkeit dieses Zugewinns hängt davon ab, ob Bedingungen verbessert werden. Eine bessere Bezahlung, flexible Arbeitszeiten, attraktive Karriereperspektiven, Image und Sichtbarkeit können dafür sorgen, dass Jugendliche langfristig gehalten werden.

Foto von Julia M Cameron / Pexels.com

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