Wenn man sich die Schlagzeilen anschaut, hat man fast das Gefühl, dass zwei Parallelwelten existieren: In manchen Bundesländern gibt’s plötzlich wieder mehr Jugendliche, die sich eine Ausbildung wünschen und trotzdem zu wenige Lehrstellen. In anderen wiederum kann ein Betrieb Ewigkeiten damit zubringen, eine einzelne Stelle zu besetzen – kein Bewerber weit und breit.
Das ist nicht nur spannend, sondern ein echtes Problem für Jugendliche, Betriebe und auch für Politik und Gesellschaft.
Auf Bundesebene sieht’s so aus: Zwischen Januar und Juli 2025 wurden in Deutschland rund 622.000 Ausbildungsstellen öffentlich ausgeschrieben. Das sind 4 % weniger als im Vorjahreszeitraum. (index)
Gleichzeitig steigen die Bewerberzahlen: Laut einer Analyse der Bundesagentur für Arbeit standen sich im Nachvermittlungszeitraum Oktober bis Januar 2024/25 beispielsweise 72.000 Bewerberinnen und Bewerber gegenüber 78.000 betrieblichen Ausbildungsstellen – allerdings waren davon etwa 15.000 Stellen noch unbesetzt, während 33.000 Bewerber noch unversorgt waren. (Bundesagentur für Arbeit)
Das heißt: Es gibt beides – unbesetzte Stellen und Jugendliche, die noch keinen Platz haben.
Warum das so ist, erklären Studien wie die DIHK-Umfrage 2025: 73 % der Betriebe mit Besetzungsproblemen sagen, sie haben keine geeigneten Bewerber gefunden. Nicht, weil niemand sich beworben hat, sondern weil oft Qualifikationen, Motivation, Passung oder Vorbereitungen fehlen.
Und je kleiner der Betrieb, desto krasser wird’s: In Betrieben mit weniger als 10 Mitarbeitenden stieg der Anteil derjenigen, die ihre Ausbildungsstellen nicht besetzen konnten, deutlich an. (DIHK)
Also: Auf dem großen Bild ist’s diffus – aber auf der Ebene der Bundesländer treten echte Gegensätze zutage.
Glänzende Märkte: Wo es Bewerber im Überfluss gibt
Zwei typische Szenarien, in denen plötzlich zu viele Bewerber auf zu wenig Stellen prallen:
Hessen: Mehr Bewerber als freie Lehrstellen
In Hessen berichtete die Hessenschau, dass in bestimmten Regionen nun mehr Jugendliche eine Ausbildung wollen, als Betriebe Lehrstellen zur Verfügung haben. Das sorgt dafür, dass manche Bewerber leer ausgehen.
Das heißt: In Hessen verschiebt sich das Kräfteverhältnis von einem früheren Lehrstellenmangel hin zu einem leichten Bewerberüberhang in manchen Bereichen.
Bayern: Rückgang bei den freien Stellen, Wachstum bei den Bewerbern
In Bayern ist das Verhältnis auch spannend: Im August 2025 waren 91.911 Ausbildungsstellen gemeldet, das sind rund 5,4 % weniger im Vergleich zum Vorjahr.
Auf der anderen Seite stieg die Zahl der Bewerberinnen und Bewerber in Bayern leicht (+1,6 %). (vbw)
Das führt in manchen Regionen Bayerns dazu, dass Betriebe sich plötzlich wieder um mehr Bewerbungen streiten müssen.
Berlin: Viele Bewerber, aber Betriebe melden kaum Stellen
In Berlin wiederum berichten Quellen, dass über 40 % der Berliner Betriebe ihre Ausbildungsstellen gar nicht oder nur unregelmäßig bei der Arbeitsagentur melden.
Das heißt: Obwohl auch hier viele Bewerber da sind, landet ein Großteil der freien Stellen gar nicht formal im Vermittlungssystem und wirkt dann so, als gäbe es weniger Angebot, als tatsächlich vorhanden wäre.
NRW: Viel Angebot, aber auch große Nachfrage
In Nordrhein-Westfalen, dem stärksten Ballungsgebiet Deutschlands, wird ebenfalls von dieser Spannung berichtet: In manchen Kammerbezirken existieren Tausende freie Ausbildungsplätze, gleichzeitig gibt es starke Nachfrage. Ein Beispiel: In einer NRZ-Region wurden 36.000 freie Stellen genannt.
Das heißt: Hier ist die Herausforderung nicht, überhaupt eine Stelle aufzutun, sondern sie passend zum Bewerberprofil zu matchen.
Gebiete mit akutem Bewerbermangel
Auf der anderen Seite haben wir Bundesländer oder Regionen, in denen Unternehmen verzweifelt nach Bewerbungen rufen, bisher mit wenig Erfolg:
Mecklenburg-Vorpommern (Nordosten)
In Mecklenburg-Vorpommern tun sich viele Betriebe schwer, ihre Lehrstellen zu besetzen. Eine DIHK-Umfrage zeigte, dass 43 % der ausbildenden Betriebe Schwierigkeiten hatten, alle vorgesehenen Plätze zu vergeben.
In manchen Kammerbezirken wie Neubrandenburg waren noch hunderte Plätze unbesetzt, obwohl Schulabgänger verfügbar sind. Unternehmen berichten, sie erhalten gar keine Bewerbungen für manche Stellen.
Sachsen
Auch in Sachsen existiert ein Ungleichgewicht: So berichten Medien, dass rund 3.400 Jugendliche ohne Ausbildungsplatz sind, zeitgleich etwa 4.500 Lehrstellen offen.
Das klingt paradox aber er zeigt, dass sehr spezifische Anforderungen, Standortfragen, Qualifikationsdefizite oder Konkurrenz zwischen Wunsch- und Realberufen eine Rolle spielen.
Niedersachsen
In Niedersachsen sehen die Unternehmen zunehmend Defizite bei der Ausbildungsreife junger Menschen. Nur 56,4 % der Ausbildungsbetriebe konnten 2024 alle angebotenen Ausbildungsplätze besetzen.
Hauptgrund: 72,6 % der Firmen geben an, keine geeigneten Bewerber gefunden zu haben.
Viele Betriebe beklagen Mängel in Sprache, Mathematik, Arbeitsbereitschaft oder Disziplin. (ihk-n.de)
Warum das so unterschiedlich läuft: Ursachen im Überblick
Okay, die Beispiele zeigen: Mal sind zu viele Bewerber da, mal zu wenige. Aber was treibt diese Dynamik an? Hier sind zentrale Gründe:
1. Wirtschaftliche Unsicherheit & Investitionszurückhaltung
Viele Unternehmen empfindlich gegenüber konjunkturellen Schwankungen. Wenn sie sich unsicher fühlen, reduzieren sie ihr Ausbildungsengagement oder gehen vorsichtiger vor. In der IHK-Analyse heißt es, dass 25 % der Betriebe 2025 weniger Ausbildungsplätze anbieten als im Vorjahr aus genau diesem Grund. (Industrie- und Handelskammer)
Manchmal ist es schlicht: zu riskant, neue Lehrlinge einzustellen, wenn die Auftragslage unsicher ist.
2. Qualifikations- und Passungsprobleme
Das ist einer der größten Bremsklötze. Viele Bewerber bringen nicht die von den Betrieben gewünschten Voraussetzungen mit – sei’s in Deutsch, Mathematik, Sozialkompetenz oder Motivation.
Laut DIHK geben 73 % der Betriebe mit Besetzungsschwierigkeiten an, sie hätten keine geeigneten Bewerber gefunden.
In Niedersachsen meldet man regelmäßig Mängel in Ausdruck, Belastbarkeit, Fachwissen etc.
3. Demografischer Wandel & regionale Besonderheiten
In dünn besiedelten oder wirtschaftlich schwächeren Regionen sinkt die Zahl potenzieller Bewerber und manche Jugendliche ziehen weg in größere Städte. Das erschwert es besonders kleineren Betrieben auf dem Land, geeignete Auszubildende zu finden.
4. Nichtmeldung von Ausbildungsstellen
Wie in Berlin berichtet: Viele Betriebe melden ihre freien Ausbildungsplätze gar nicht beim Arbeitsamt oder melden sie unregelmäßig.
Dadurch entstehen Informationslücken für junge Leute, aber auch für Vermittlungsstellen.
5. „Wildes Matching“ und Wunschberufe vs. Realitäten
Viele Jugendliche haben klare Vorstellungen: „Ich will irgendwas mit Medien, Film oder Start-Ups!“ aber in ihrer Region oder mit ihrem Schulabschluss gibt’s dann kaum sowas. Und Betriebe, die technische oder handwerkliche Berufe anbieten, bleiben leer.
In manchen Regionen stehen Ausbildungsangebote und Bewerberwünsche einfach nicht kompatibel nebeneinander.
6. Betriebliche Struktur: Größen und Ressourcen
Kleinere Betriebe haben oft geringere Kapazitäten, weniger Ressourcen, weniger Personal für Betreuung und weniger Puffer für Risiken. Wenn solche kleinen Betriebe schon mal eine Stelle nicht besetzen, fällt das prozentual stärker ins Gewicht. In der DIHK-Analyse heißt es: In Betrieben mit weniger als 10 Mitarbeitenden stieg der Anteil der Fälle, in denen Ausbildungsstellen nicht besetzt werden konnten, deutlich. (DIHK)
Außerdem sind kleinere Betriebe oft weniger sichtbar, weniger professionell bei der Azubi-Werbung.
Ein Blick auf zwei extreme Gegensätze: “Bewerberüberschuss vs. Besetzungsnot”
Um das mit etwas Farbe zu illustrieren:
- In Hessen oder Städten in Bayern kann es sein, dass Jugendliche sich aussuchen können – welcher Betrieb, welcher Beruf, wie nah am Wohnort. Da haben manche Betriebe kaum genug Bewerbungen.
- Im ländlichen Mecklenburg-Vorpommern oder in manchen sächsischen Landkreisen hingegen sitzen Betriebe und warten, dass sich überhaupt jemand bewirbt – oft vergeblich.
Das erzeugt eine merkwürdige Asymmetrie: Da, wo Nachfrage hoch ist, gibt’s Konkurrenz unter Betrieben; dort, wo Angebot da ist, fehlt Nachfrage.
Was tun? Erste Gedanken und Lösungsansätze
So schlimm es klingt, man kann nicht einfach „mehr Lehrstellen“ fordern, wenn die Bewerbergrundlagen fehlen. Aber hier sind ein paar Ansatzpunkte:
- Frühere und bessere Berufsorientierung an Schulen
Schülerinnen und Schüler sollten früher realistische Einblicke in verschiedene Berufe bekommen, damit Wunsch und Angebot besser matchen. - Stärkung der Ausbildungsreife
Mehr Förderung in Deutsch, Mathe, Sozialkompetenz, Arbeitsverhalten, um Qualifikationsmängel abzubauen. - Gezieltes Matching & digitale Plattformen
Intelligente Vermittlungsportale, bessere Daten, Algorithmen, die stellenbezogene Anforderungen mit Bewerberprofilen matchen. - Förderung für kleine Betriebe
Zuschüsse, Beratung oder Unterstützung, damit kleine Firmen ihre Lehrstellen attraktiver machen und betreuen können. - Mobilität und Flexibilität fördern
Mobilitätshilfen, Wohnheime, Pendlerförderungen, damit Jugendliche auch dort arbeiten können, wo Bedarf ist, auch wenn’s nicht ums Eck ist. - Transparenz & Meldungspflicht stärken
Wenn Betriebe ihre freien Plätze nicht melden, entsteht ein künstlicher Angebotsengpass. Verpflichtende Meldung oder Anreize könnten helfen. - Branchenübergreifende Anreize & Imageverbesserung
Manche Berufe sind zu wenig bekannt oder gelten als „langweilig“. Ein besseres Image und klarere Vorteile könnten helfen, Jugendliche zu locken.
Fazit: Ausbildung 2025 ist kein einheitlicher Markt
Der Ausbildungsmarkt 2025 ist keineswegs homogen. Er ist ein Flickenteppich aus Regionen mit Überangeboten, Unterangeboten, Vermittlungslücken, Passungsproblemen und strukturellen Barrieren.
Wer will, kann in Hessen einen Bewerber suchen. Das könnte besonders in Regionen wie Unterfranken, dem Südwestfalen und Mainz-Koblenz interessant sein.
Die Aufgabe für Politik, Schulen und Betriebe lautet: Diese Gegensätze glätten, Durchlässigkeit schaffen und dafür sorgen, dass nicht nur Lehrstellen da sind, sondern auch Menschen, die sie ausfüllen können und wollen.
Foto von Artem Podrez / Pexels.com

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