Warum immer mehr Ausbildungsbetriebe über schlechte Bewerberqualität klagen
„Wir finden einfach keine passenden Azubi-Bewerbungen mehr!“ So beschreiben es heute viele Ausbildungsbetriebe. Immer häufiger heißt es, Bewerbungen seien unzureichend inhaltlich und qualitativ, die Anzahl der Bewerber insgesamt sinkt, und selbst Grundkompetenzen wie Sprache, Rechnen oder Sozialverhalten würden bei vielen Schulabgängern fehlen. Auch ein aktueller Bericht aus Niedersachsen zeigt, dass viele Unternehmen über sinkende Bewerberqualität klagen. Fast die Hälfte der Ausbildungsplätze konnte dort nicht besetzt werden – nicht, weil es zu wenige Plätze gibt, sondern weil passende Bewerber fehlen oder deren Qualifikation unzureichend ist. In der Umfrage gaben zwei Drittel der Befragten an, die Qualität der Bewerbungen habe abgenommen, und mehr als ein Fünftel stellte inzwischen sogar Bewerber ohne Schulabschluss ein. Außerdem müssen viele Betriebe ihre Azubis zunächst intensiv nachschulen, vor allem bei Sprache, Lesen, Rechnen oder sozialen Kompetenzen.
📉 Ein Blick auf die Zahlen
Auch überregional lässt sich dieser Trend beobachten:
- Laut einer DIHK-Umfrage konnte fast jedes zweite Unternehmen in Deutschland nicht alle Ausbildungsplätze besetzen. Unter den Betrieben mit Besetzungsproblemen nannten knapp drei Viertel keine geeigneten Bewerbungen als Grund. Es waren nicht nur zu wenig Bewerbungen, sondern es fehlte angeeigneten Bewerbern. Besonders häufig beklagt wurden Defizite bei Belastbarkeit, Motivation, Disziplin oder grundlegenden schulischen Kenntnissen wie Lesen, Schreiben und Rechnen.
- Ein Bericht des ifo-Instituts zeigt, dass in vielen Betrieben derzeit ein „Mismatch“ zwischen Ausbildungsplatzangebot und qualifizierten Bewerbern besteht. Arbeitgeber finden oft keine Kandidaten mit passender vorbereiteter Ausbildung oder erforderlichen Grundqualifikationen.
Zusammengefasst: Nicht nur die Anzahl der Bewerbungen geht zurück, sondern auch die Qualität der Bewerber im Hinblick auf die Anforderungen der Betriebe. Darüber klagen Personalverantwortliche seit mehreren Jahren zunehmend.
🤔 Aber woran liegt das? 5 mögliche Gründe
Hier sind fünf Entwicklungen, die diese Entwicklung maßgeblich beeinflussen könnten:
1. Demografischer Wandel und weniger junge Menschen
Deutschland hat eine sinkende Geburtenrate. Das bedeutet: Es gibt weniger Schulabgänger, die überhaupt eine Ausbildung suchen. Das allein sorgt dafür, dass Bewerber knapper werden – und Betriebe im Wettbewerb um die wenigen Interessenten stehen. Laut einem Artikel im Handelsblatt gab es 2024/2025 deutlich mehr Ausbildungsstellen als Bewerber, was zu einem Lehrstellenüberhang geführt hat.
2. Akademisierung: Mehr wollen studieren statt eine Ausbildung machen
Viele junge Menschen gehen direkt nach der Schule an die Universität und nicht in eine betriebliche Ausbildung. Dieser sogenannte Akademisierungstrend hat zur Folge, dass der Pool an klassischen Ausbildungsplatzsuchenden schrumpft. Dadurch sinkt einerseits die reine Zahl der Bewerber und andererseits die „Auswahlmöglichkeit“ für Ausbildungsbetriebe.
3. Schwächen in Grundkompetenzen
Ein zentrales Ergebnis der aktuellen Umfragen ist, dass immer mehr Betriebe Bewerber mit Defiziten in Grundkompetenzen erleben:
- Sprachliche Schwächen
- Schwierigkeiten bei Mathematik
- Fehlende soziale Kompetenzen wie Zuverlässigkeit, Motivation oder Durchhaltevermögen
Gerade diese Fähigkeiten gelten jedoch bei Ausbildungsbetrieben als zentral für einen erfolgreichen Start in die Lehre.
Hier wird oft kritisiert, dass die schulische Vorbereitung nicht ausreichend auf die realen Anforderungen im Arbeitsleben vorbereitet.
4. Passungsprobleme zwischen Angebot und Nachfrage
Selbst wenn junge Menschen sich bewerben, passen sie in vielen Fällen nicht zu den angebotenen Ausbildungsstellen. Man spricht von einem Qualifikations- oder Passungs-Mismatch:
- Bewerber suchen woanders als dort, wo Stellen frei sind.
- Bewerber interessieren sich für völlig andere Berufe als die, die verfügbar sind.
- Wichtiges Wissen oder praktische Kompetenzen fehlen.
Solche Mismatches sorgen dafür, dass Betriebe zwar Bewerbungen bekommen, aber nicht die richtigen.
5. Veränderung der Bewerber- und Arbeitswelt (z. B. Kommunikationsgewohnheiten)
Viele Unternehmen nutzen klassische Kommunikationswege oder veraltete Kanäle bei der Bewerbersuche, die aber nicht mehr dort ankommen, wo junge Menschen unterwegs sind. Jugendliche suchen heute eher digitale, niedrigschwellige Wege oder informieren sich über Social Media – so manche Stellenanzeige erreicht sie deshalb nicht wirklich effektiv. Dies führt zu einer Diskrepanz zwischen dem Recruiting der Betriebe und den Erwartungen der Generation Z.
💡 Was bedeutet das für Ausbildungsbetriebe und Bewerber?
Die Lage ist keine one-way Street. Betriebe müssen heute stärker darauf achten, wie sie junge Talente ansprechen: zielgruppengerechtes Ausbildungsmarketing, Einblicke in echte Arbeitsprozesse, Social-Media-Strategien oder Kooperationen mit Schulen können helfen, Bewerber zu erreichen. Gleichzeitig liegt aber auch eine Verantwortung bei Schulen und Bildungspolitik, grundlegende Kompetenzen besser zu fördern, damit junge Menschen für die Herausforderungen der Ausbildung besser gerüstet sind.
🚀 Fazit
Die Diskussion um die abnehmende Bewerberqualität für Ausbildungsplätze ist vielschichtig: Es sind nicht nur einzelne Bewerber „schlechter geworden“, sondern eine Reihe struktureller Veränderungen, vom demografischen Wandel über Veränderungen im Bildungssystem bis zur Digitalisierung, beeinflussen den Ausbildungsmarkt. Für Ausbildungsbetriebe heißt das heute mehr denn je: strategisch denken, anpassen und mit neuen Ideen junge Talente gewinnen. Gleichzeitig gilt es, die Gründe genau zu verstehen und gemeinsam – aus Schule, Politik und Wirtschaft – an Lösungen zu arbeiten.
📚 Quellen
- Ausbildungsbetriebe in Niedersachsen beklagen sinkende Bewerberqualität – mangelnde Kompetenzen, Nachschulungsbedarf.
- Fast die Hälfte der Betriebe kann Ausbildungsplätze nicht komplett besetzen; Mängel bei Motivation, Belastbarkeit, Grundkenntnissen.
- ifo-Institut: Qualifizierte Bewerber für Ausbildungsstellen fehlen immer häufiger.
- Lehrstellenüberhang durch mehr Ausbildungsstellen als Bewerber – demografische Auswirkungen.
Foto von fauxels / Pexels.com

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