Vom Warten zum Werben – Wie sich der Ausbildungsmarkt 2022 auf den Kopf gestellt hat

Noch vor ein paar Jahren war es ganz normal: Jugendliche schickten ihre Bewerbungen raus, hofften auf Rückmeldung und warteten. Und warteten. Und warteten. Unternehmen ließen sich Zeit, schließlich gab es ja genug Bewerberinnen und Bewerber. Wer eine Ausbildung wollte, musste sich anstrengen, freundlich bleiben, nachfragen und Geduld haben. Der Markt war fest in Arbeitgeberhand.

Doch das Blatt hat sich gewendet. Spätestens seit 2022 erleben wir einen deutlichen Wandel: Der Ausbildungsmarkt ist kein klassischer Arbeitnehmermarkt mehr. Er ist ein Bewerbermarkt geworden. Und das verändert alles.

Plötzlich ist die andere Seite am Zug

Heute sitzen viele junge Menschen mit guten, soliden oder sogar „nur normalen“ Zeugnissen auf einmal am längeren Hebel. Während früher jeder Ausbildungsplatz hart umkämpft war, können sich Bewerber:innen jetzt oft zwischen mehreren Zusagen entscheiden. In manchen Regionen oder Branchen ist es sogar schwierig, überhaupt genügend Bewerbungen zu bekommen.

Der demografische Wandel, sinkende Schulabgängerzahlen und die wachsende Attraktivität von Studium oder Freiwilligendiensten haben die Lage auf den Kopf gestellt. Betriebe müssen sich jetzt bewerben – bei den Bewerber:innen.

Selbstbewusste Azubis – und das ist gut so

Die neue Generation tritt selbstbewusster auf. Warum auch nicht? Wer Auswahl hat, darf wählerisch sein. Viele Schulabgänger:innen vergleichen Angebote, achten auf Work-Life-Balance, moderne Ausbildungsinhalte, Unternehmenskultur und die Stimmung im Team. Ein gutes Gehalt ist wichtig, aber längst nicht alles.

Vor allem Authentizität zählt: Wie wird miteinander gesprochen? Gibt es ehrliches Interesse an der Person oder ist es nur ein Haken auf der To-do-Liste des Personalbüros? Junge Menschen merken schnell, ob sie wirklich willkommen sind oder nur eine Nummer im System.

Wenn Betriebe plötzlich nachfassen müssen

Was früher undenkbar war, ist heute Realität: Unternehmen müssen nachfassen, nachfragen und am Ball bleiben. Während Bewerber:innen früher wochenlang auf eine Rückmeldung gewartet haben, warten heute die Betriebe: auf Zusagen, auf Antworten, manchmal sogar auf Rückrufe.

Wer sich jetzt zurücklehnt und denkt: „Wir melden uns, wenn wir alle Bewerbungen durch haben“, verliert. Denn bis dahin hat sich der oder die Wunschkandidat:in längst für ein anderes Unternehmen entschieden. Oft für das, das sich schneller und verbindlicher gemeldet hat.

Preboarding wird zur neuen Pflicht

Ein spannender Nebeneffekt dieses Wandels ist das sogenannte Preboarding – also die Zeit zwischen der Zusage und dem tatsächlichen Start der Ausbildung. Früher war diese Phase ziemlich still. Vertrag unterschrieben, Haken dran. Heute sieht das anders aus.

Betriebe, die schlau sind, nutzen diese Monate aktiv:

  • Sie halten Kontakt per WhatsApp oder Mail,
  • schicken kleine Willkommenspakete,
  • laden zu Azubi-Treffen oder Unternehmensrundgängen ein,
  • oder binden die zukünftigen Auszubildenden schon in kleine Projekte ein.

Das Ziel: Verbindung aufbauen, bevor der erste Arbeitstag kommt. Denn wer sich in dieser Zwischenzeit vergessen fühlt, überlegt es sich vielleicht nochmal anders.

Der Entscheidungsprozess wird länger – und bewusster

Früher gab’s bei einer Zusage oft sofort ein klares Ja oder Nein. Heute lassen sich viele Bewerber:innen Zeit. Sie vergleichen, holen Meinungen ein, besuchen vielleicht mehrere Betriebe, bevor sie sich endgültig entscheiden. Das mag für Personalabteilungen manchmal anstrengend sein aber es ist der neue Normalzustand.

In Zukunft wird dieser Trend noch zunehmen. Junge Menschen werden sich bewusst fragen:

  • Wo fühle ich mich wohl?
  • Wer nimmt mich ernst?
  • Wo sehe ich Entwicklungsmöglichkeiten?

Kurz gesagt: Es geht nicht mehr nur darum, überhaupt eine Ausbildung zu bekommen, sondern die richtige.

Unternehmen müssen Haltung zeigen

Für Ausbildungsbetriebe bedeutet das: raus aus der Komfortzone. Weg vom Denken „Die Bewerber müssen froh sein, dass sie hier anfangen dürfen“ hin zu einem echten Miteinander auf Augenhöhe.

Das fängt bei einer wertschätzenden Kommunikation an und hört bei einer modernen, digitalen Bewerberreise auf. Lange, komplizierte Bewerbungsprozesse schrecken ab. Junge Leute erwarten heute einfache Online-Formulare, schnelle Antworten und ehrliche Gespräche – keine Floskeln.

Wer als Unternehmen sympathisch, offen und engagiert auftritt, punktet. Wer schweigt, verliert.

Der neue Wettbewerb: Nähe und Menschlichkeit

In Zeiten, in denen die meisten Unternehmen ähnliche Ausbildungsinhalte bieten, entscheidet nicht mehr das Was, sondern das Wie. Der persönliche Kontakt, das Gefühl, ernst genommen zu werden, und die Atmosphäre machen den Unterschied.

Betriebe, die sich frühzeitig kümmern, regelmäßig Kontakt halten und echtes Interesse zeigen, haben die Nase vorn. Das kostet Zeit – ja. Aber es zahlt sich aus.

Denn am Ende wollen Bewerber:innen dort starten, wo sie sich willkommen fühlen. Nicht dort, wo sie einfach nur eine Nummer auf der Liste sind.

Fazit: Wer wartet, verliert

Der Ausbildungsmarkt hat sich gedreht und das nachhaltig. Unternehmen, die weiterhin nach dem alten Muster handeln, werden leer ausgehen. Die Zukunft gehört den Betrieben, die sich als attraktive, menschliche und verlässliche Partner präsentieren.

Früher warteten die Bewerber. Heute warten die Betriebe.
Wer das Spiel verstanden hat, hört auf zu warten und fängt an zu handeln.

Foto von SHVETS production / Pexels.com

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